Spielintelligenz im Fußball entwickeln

Spielintelligenz im Fußball

Es gibt mittlerweile sehr viele Spezialisten für verschiedenste Bereiche im Fußball. So gibt es unter anderem in jedem Verein Trainer, die sich sehr gut mit der Technik eines Spielers auskennen, wieder andere sind Spezialisten im Bereich der Taktik und dann gibt es noch die Athletik- und Fitnesstrainer, die für die körperliche Verfassung der Spieler zuständig sind. Doch nur sehr wenige Trainer beschäftigen sich mit der Steuerzentrale, die für alles verantwortlich ist, was ein Spieler auf und abseits des Feldes ausführt, und zwar dem Gehirn. Ein Trainer ist wie ein Lehrer, der seinem Schüler ein bestimmtes Fach näherbringt. Und wer lehrt, der sollte etwas vom Lernen und dem Organ des Lernens, dem Gehirn, verstehen. Vor allem ist es, wenn wir über Spielintelligenz sprechen, unabdingbar, dass wir uns mit Lernprozessen befassen.

Was ist Spielintelligenz?

Der Begriff der Spielintelligenz wird im Fußball sehr häufig verwendet, aber nur sehr selten gut oder verständlich beschrieben. Für viele Trainer ist die Spielintelligenz ein Mysterium und wird unter anderem auf Talent zurückgeführt. Zweifellos ist die Spielintelligenz sehr komplex, aber sie ist weder ein Mysterium noch basiert sie einzig und allein auf angeborenem Talent.

Damit der Spieler zu bestimmten Teamaufgaben beitragen kann, muss er verschiedenste Situationen im Spiel erkennen, verstehen und lösen können. Welche Aktion ist zu welchem Zeitpunkt und in welcher Situation erforderlich? Wann muss ein Spieler entgegenkommen und wann muss er vom Ballführenden fernbleiben? Einfach gesagt muss jeder Spieler nicht nur passen, schießen, dribbeln, köpfen, pressen etc. können, sondern vor allem fähig sein gedanklich die ideale Lösung zu finden, was wir als das Lesen des Spiels bezeichnen können. Es geht also darum, dass die richtigen Aktionen zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Raum ausgeführt werden. Damit ein Spieler das Spiel lesen kann, muss er die entsprechenden Verknüpfungen (Anm. Spielsituationen) in seinem Gehirn angelegt haben. Es ist ähnlich wie beim Lesenlernen. Zuerst lernt man Buchstaben, dann Wörter und anschließend ist man fähig ganze Sätze und Bücher zu lesen und zu verstehen – sinnerfasstes Handeln im Fußball.

Damit ein Spieler Aktionen mit und ohne Ball ausführen kann, muss er in der Lage sein während seiner Bewegung zu beobachten und zu kommunizieren (Anm. verbal und non-verbal). Das bedeutet er muss ständig Informationen aufnehmen, verarbeiten und senden während er sich über das Spielfeld bewegt. Dabei ist es besonders wichtig, dass der Raum- und Zeitdruck beobachtet und korrekt bewertet wird. Konkret geht es darum, die richtige Wahl zu treffen, um eine bestimmte Aktion auszuführen – verlangt die Situation im Spiel einen Pass oder ein Dribbling? Und wie wird die Aktion anschließend ausgeführt: 1) Einnehmen einer Position, 2) Zeitpunkt der Aktion, 3) Richtung der Aktion und 4) Geschwindigkeit der Aktion. Der Begriff Spielintelligenz ist daher kein Mysterium, sondern sie zeigt sich in den Entscheidungen des einzelnen Spielers hinsichtlich seiner Positionierung, seines Timings, seiner Richtung und seiner Geschwindigkeit beim Ausführen von Aktionen.

Dabei müssen wir berücksichtigen, dass die Spielintelligenz bei jedem einzelnen unterschiedlich ausgeprägt sein kann und die Probleme je nach Spielposition unterschiedlich sein können. Ein Tormann hat andere Probleme zu lösen als zum Beispiel ein Stürmer oder Mittelfeldspieler, auch wenn sie dasselbe Spiel spielen. Weiters haben auch die Mitspieler einen Einfluss auf die Entscheidungsqualität. Hat der Ballführende zum Beispiel nur eine Anspieloption hat der Spieler weniger Entscheidungsmöglichkeiten als zum Beispiel bei drei Anspielstationen.

Wir können somit die Spielintelligenz im Fußball wie folgt definieren: Fähigkeit, sich mit einem Denkprozess den Forderungen und neuen Situationen, die sich im Fußball ergeben, anzupassen und bereit zu sein, diese selbst zu lösen.

Wie kann die Spielintelligenz trainiert werden?

Damit wir die Spielintelligenz unserer Spieler trainieren und verbessern können, müssen wir mehrere Faktoren berücksichtigen. Als erstes muss uns Trainern klar sein, dass wir selbst eine hohe Spielintelligenz benötigen, also Fußballfachwissen, damit wir die entsprechenden Spielsituationen im Training kreieren können und im Coaching die richtigen Fragen stellen. Wenn wir Trainer nur wenig Fußballfachwissen haben, limitieren wir die Spieler in deren Ausbildung und schränken sie dementsprechend ein. Weiters müssen wir das Alter unserer Spieler berücksichtigen. Wir wissen aus der Gehirnforschung, dass das Gehirn erst mit ca. 21 Jahren voll entwickelt ist, daher können Kinder weniger Informationen verarbeiten als Erwachsene. Ebenso muss die Erfahrung des Spielers in Betracht gezogen werden. Zum Beispiel gibt es Spieler, die hatten gute Trainer mit gutem Fachwissen und es gibt Spieler, die hatten Trainer mit weniger Fachwissen. Das bedeutet, ein Spieler der ersteren Trainer hatte, kann mehr Informationen verarbeiten und hat mehr Wissen als ein Spieler, der vom zweiteren betreut wurde. Und zu guter Letzt spielt auch die Mentale Frische bzw. Aufnahmefähigkeit eine große Rolle, wenn wir die Spielintelligenz trainieren wollen. Zum Beispiel kann die Aufnahmefähigkeit von Spielern geringer sein, wenn sie an diesem Tag mehrere Tests oder eine Schularbeit hatten. Jeder von uns kennt dieses Gefühl der mentalen Ermüdung, wenn er nach einem langen Seminartag nach Hause kommt und versucht ein Buch wie „Schnelles Denken, Langsames Denken“ von Daniel Kahnemann zu lesen. Man liest ein paar Seiten und weiß anschließend nicht mehr was auf den vorhergehenden Seiten stand – unsere Aufnahmefähigkeit geht gegen Null und genau das müssen wir auch im Training berücksichtigen.

Am besten lässt sich die Spielintelligenz mittels entsprechenden Spielformen trainieren, denn wir sprechen von SPIELintelligenz und nicht von ÜBUNGSintelligenz. Ebenso ist es wichtig, dass der Trainer keine Instruktionen gibt und zum Joysticking-Trainer wird. Das sind Trainer, die den Spielern jede Aktion ansagen und somit können die Spieler keine eigenen Entscheidungen treffen und werden zu Objekten (Robotern) des Trainers. Wer zum Joysticking greift, unterbindet die Entwicklung der Spielintelligenz und der Kreativität. Ebenso zählen zum Joysticking isolierte Passschleifen oder andere Übungen, in denen der Spieler keine freien Entscheidungen treffen kann.

In der Praxis bedienen wir uns zweier Modelle, um die Spielintelligenz unserer Spieler zu verbessern. Zum einen das Modell der vier Lern- bzw. Kompetenzstufen von Noel Burch und zum anderen das Modell von Raymond Verheijen aus seinem Kurs „Football Braining“.

Die vier Lernstufen bzw. Kompetenzstufen bilden die Grundlage unseres Lernens und somit auch der Entwicklung der Spielintelligenz.

Spielintelligenz im Fußball
Die vier Lern- bzw. Kompetenstufen schematisch dargestellt.

Unbewusste Inkompetenz

Das ist die Phase, in der einem selbst nicht bewusst ist, dass man etwas noch nicht kann. Wir kennen das vielleicht noch aus unserer frühen Kindheit, als wir unseren Eltern beim Öffnen einer Flasche zugesehen haben. Uns war damals gar nicht bewusst, dass wir diese selbst nicht öffnen können. Wir können die unbewusste Inkompetenz auch als unseren blinden Fleck bezeichnen.

Bewusste Inkompetenz

Die bewusste Inkompetenz ist die Phase, in der wir bemerken, dass wir etwas nicht können. Zum Beispiel versuchten wir die Flasche zu öffnen, aber wir merkten schnell, dass uns entweder die Kraft fehlte oder wir in die falsche Richtung drehten.

Bewusste Kompetenz

Jetzt haben wir eine neue Fähigkeit erworben, aber es kostet uns noch viel Mühe diese kompetent einzusetzen. Vielleicht können sich einige von uns noch daran erinnern, wie wir unsere erste Flasche geöffnet oder geschlossen haben. Wir waren hoch konzentriert als wir den Verschluss auf der Flasche platziert haben und drehten ganz vorsichtig in eine Richtung, um zu prüfen, ob es die richtige war. Das bedeutet, dass das Anwenden und Erlernen einer neuen Fähigkeit sehr viel Energie verbraucht und unser Gehirn schneller ermüdet.

Unbewusste Kompetenz

Hier sind wir in der Phase angelangt, in der wir die Fähigkeit richtig einsetzen und oft gar nicht wissen, warum oder wie wir sie überhaupt einsetzen. Heute öffnen wir verschiedenste Flaschen mit unterschiedlichsten Verschlüssen, ohne überhaupt hinzusehen. Wir können uns zum Beispiel mit unseren Sitznachbarn unterhalten, eine Flasche öffnen, anschließend die Flüssigkeit in ein Glas füllen und danach die Flasche wieder verschließen und das alles, ohne eine Sekunde bewusst darüber nachzudenken. Das bedeutet wir machen es einfach ohne zu überlegen und haben so Ressourcen für andere Dinge wie zum Beispiel eine Unterhaltung frei gelegt.

Die Frage, die sich nun berechtigter Weise stellt, ist, wie wir am schnellsten auf die Stufe der Unbewussten Kompetenz kommen. Diese lässt sich sehr einfach mit folgender Formel beantworten: VERSTÄNDNIS + KOMPETENZ = KÖNNEN. Das bedeutet am Beispiel der Flasche folgendes: Durch das Verständnis von rechtsdrehenden Gewinden und der Vielzahl an verschiedenen kompetent geöffneten und geschlossenen Flaschen können wir es heute.

Spielintelligenz im Fußball
Ein Auszug von Raymond Verheijens Kurs “Football Braining”.


Das zweite Modell stammt von Raymond Verheijen aus dem Kurs „Football Braining“ und basiert auf der Evolutionstheorie von Charles Darwin und besteht aus mehreren Elementen, welche ich kurz beschreiben möchte.

Der Trainer

Die Ausgangsbasis dieses Modells ist der Trainer mit seiner Fachkompetenz. Dieser Überlegt sich vor dem Training, welche Spielsituationen bzw. Prinzipien er den Spielern vermitteln will. Diese Prinzipien können entweder neu sein, oder er möchte bereits bestehende Prinzipien verfeinern, da ihm im Spiel zu viele Fehler in denselben Situationen passiert sind.

Situations Coaching

Nachdem die zu verbessernden Prinzipien definiert wurden, kreiert der Trainer entsprechende Spielsituationen im Training, was wir als Situations Coaching bezeichnen. Dabei ist zu beachten, dass die Situation schwieriger ist, als das was der Spieler bisher kann, auch Overload genannt. Denn nur wenn die Situation schwieriger als das bisher Bekannte ist, muss sich der Organismus anpassen und es entsteht ein Lerneffekt.

(In)Kompetentes Verhalten

Der Trainer beobachtet das Verhalten des Spielers innerhalb der Situation und bewertet dieses als kompetent oder inkompetent. Ein kompetentes Verhalten in einer Angriffsaktion wäre zum Beispiel die Erhöhung der Chance auf ein Tor (z.Bsp.: Durchbruch im Zentrum), wohingegen das inkompetente Verhalten sich in der Verringerung der Chance auf ein Tor (z.Bsp.: Ballverlust) äußert. Dabei geben wir dem Spieler drei Mal die Möglichkeit die Situation selbst erfolgreich zu lösen und beginnen erst nach dem dritten Fehlversuch mit dem Coaching oder der Vereinfachung der Situation. Würden wir bereits beim ersten Fehlversuch intervenieren, würden wir den impliziten Lernprozess unterbinden, da der Spieler nicht die Möglichkeit bekommt, selbst nach einer anderen Lösung zu suchen. Intervenieren wir beim zweiten Fehlversuch, wissen wir nicht, ob der Spieler bereits die Ideallösung gefunden hat. Erst beim dritten Fehlversuch können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Spieler keine ideale Lösung finden wird.

Referenz Coaching

Beim Referenz Coaching stellen wird dem Spieler Fragen basierend auf der Spielsituation, die er gerade erlebt hat. Dabei ist es wichtig, dass wir die richtigen Fragen stellen. Dabei können wir offene und geschlossene Fragen stellen. Im Idealfall leiten wir den Spieler über offene Fragen zur Lösung und stellen abschließend eine geschlossene Frage. Dadurch entsteht beim Spieler der Eindruck, dass er selbst auf die Lösung gekommen ist. Je mehr Fachwissen der Trainer hat, desto besser kann er seine Fragen formulieren und dem Spieler helfen.

Spieler

Nach dem wir den Spieler gecoacht haben, prüfen wir, ob er die Situation nun kompetent lösen kann. Dadurch erkennen wir, ob der Spieler etwas gelernt hat oder, ob wir im Coaching noch einmal nachbessern müssen.

Abschließend ist zu sagen, dass die Spielintelligenz über spielorientiertes Training, spielerzentriertem Coaching und entdeckendem Lernen mit gezielten Fragen des Trainers zu trainieren ist.

Literaturverzeichnis:

Spitzer, M. (2011). Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag
Verheijen, R. (2014). Football Periodisation. Always play with your strongest team. Part 1. Amsterdam: World Football Academy BV.
Tamboer, J.W.I. (2016). Football Theory. An action theoretical viewpoint on the game of football. Amsterdam: World Football Academy BV.
Lingen, B. van (2016). Coaching Youth Football. The youth football learning process for players ages 6 – 19. Amsterdam: World Football Academy BV.
Wein, H. (2016). Spielintelligenz im Fußball – kindgemäß trainieren. Aachen: Meyer & Meyer Verlag
Hüther, G. (2018). Rettet das Spiel. Weil Leben mehr als funktionieren ist. München: btb Verlag
Spitzer, M. (2019). Wie Kinder denken und lernen. Die kognitive Entwicklung vom 1. bis 12. Lebensjahr. München: mvg Verlag