Von Verletzungspech und Fitnessglück im Amateur- und Profifußball

Verletzungspech und Fitnessglück

Vor wenigen Wochen starteten die ersten Amateurvereine in die Vorbereitungsphase für den zweiten Saisonteil. Bei den Profis wurde schon früher gestartet, da deren Saison eher startet als bei den Amateuren. Und Vorbereitungszeit ist lt. Medien, Trainern und Funktionären immer verbunden mit Verletzungspech und Verletzungsteufel. Doch wenn es sowas wie Verletzungspech gibt, dann wäre das Gegenstück Fitnessglück? Wie wäre es, wenn wir es einfach mal beim Wort nennen und statt von Pech von Inkompetenz im Bereich Fußballfitness sprechen?

Die weitläufige Meinung über Fitness im Fußball

Noch immer wird Fitness im Fußball in völliger Isolation gesehen, anstatt sich ein ganzheitliches Bild über diese zu machen. Es werden Athletiktrainer engagiert, die keine Ahnung von Taktik haben oder noch besser, es wird mit Fitnesstrainern in Studios mit ordentlich Gewichten, Sandsäcken und auf Bosu-Bällen herumgeturnt. Die Fußballtrainer verlassen sich dann meist auf die Expertise dieser Leute bzw. bauen ihre Entscheidungen aus Erfahrungen ihrer Karriere auf. Das alles frei nach dem Motto: „Das haben wir früher auch so gemacht und damit sind wir Meister geworden.“

Die weitläufige Meinung über Fitness im Fußball ist also nach wie vor, dass es isoliert trainiert wird und dadurch die SpielerInnen auch im 11 gegen 11 besser werden. Eines vorweg, bevor ich etwas tiefer eintauche, ja natürlich wird eine Verbesserung eintreten. Doch die Frage ist nicht ob eine eintritt, sondern wie hoch der Return on Investment (Was bekomme ich für meine Investition retour?) ist.

Woher kommt diese Meinung über Fitness im Fußball?

Diese Frage lässt sich sehr einfach beantworten, es liegt an der fehlenden Selbstreflexion der TrainerInnen. Sie lesen ein Buch über Ausdauer, sehen sich ein Video auf YouTube an, folgen Top-Vereinen auf Instagram oder schauen bei Profis vor Ort über die Schulter. Dort sehen sie dann all die Dinge mit Crossfit, Ausdauerläufen, Sprints mit Medizinbällen usw. Dabei spricht der Top-Athletiktrainer noch, wie er im Football dadurch eine Mannschaft zu Spitzenleistungen gebracht hat. Und die TrainerInnen mit wenig Kompetenz in der Selbstreflexion glauben dies auch noch und machen es nach. Weiters gibt es mittlerweile ein breites Angebot von „Experten im Fußball“ die mit fertigen Vorbereitungsplänen unglaubliche Versprechungen machen.

Wie sieht die traditionelle Vorbereitung im Fußball aus?

Viel bringt viel. Am besten auch im Amateurbereich 4x pro Woche eine Einheit plus Spiel am Wochenende. Teilweise ist es sogar so, dass Teams während der Vorbereitung eine halbe Meisterschaft mit 10-12 Spielen absolvieren. Dabei glauben sie auch noch, dass dies gut für den Körper ist. Es wird mit viel Volumen und hohen Intensitäten bei geringer Regenerationszeit gearbeitet. Im Grunde ignorieren sie die Prinzipien der Superkompensation bzw. glauben, dass sie auch ohne dieses Wissen entsprechend gut trainieren können. Bei Profis ist es meist noch schlimmer, da sie mit zwei Einheiten pro Tag und hohen Intensitäten und arbeiten. Das bedeutet für die Spieler, dass sie mit hoher Müdigkeit kämpfen müssen und das nach einer langen Pause. Das wäre als würde ein Autobesitzer seinen Sportwagen nach der Winterpause bei den ersten Sonnenstrahlen auf die Rennstrecke jagen, ohne diesen zuvor warm zu fahren. Da ist ein Motorschaden vorprogrammiert, doch bei Menschen ist das angeblich kein Problem. Sie quälen die Spieler mit isolierten Sprints auf Hügel oder mit Schlitten, Diagonalläufen, Fußballbiathlon, Langhanteln, Medizinbällen usw. Schlimm wird es dann auch noch, wenn Spieler aus der Jugend in die erste Mannschaft geschmissen werden. Welche ohnehin schon ein Problem mit dem höheren Spieltempo haben und noch dazu weit mehr trainieren müssen.

Das Resultat dieser Fehlmeinung im Fußball = VERLETZUNGSPECH

Die ersten Wochen verlaufen noch relativ gut, doch dann steht auf einmal, wie aus heiterem Himmel, der Verletzungsteufel auf dem Platz und knockt einen Spieler nach dem anderen aus. Kreuzbandrisse ohne Fremdeinwirkung, Muskelfaserrisse oder Zerrungen sind die Folge. Und anstatt des Trainings zu hinterfragen, wird ganz einfach von Verletzungspech gesprochen. Leute, glaubt ihr das wirklich? Glaubt ihr wirklich, dass es Pech ist, wenn sich ein Spieler ohne Fremdeinwirkung eine Verletzung zuzieht, dass es Pech ist? Dann muss ich euch jetzt enttäuschen, denn es ist sehr oft kein Pech, sondern einfach das Resultat von falscher Trainingssteuerung. Wenn der Körper ständig überbelastet ist und keine Zeit zur Regeneration bekommt bzw. diese zu gering ist, ermüdet auch das ZNS (Zentrale-Nerven-System) welches u.a. für die Ansteuerungen der Muskeln usw. zuständig ist und auch eine Art Schutz für uns sein soll. Wenn das ZNS ermüdet ist, kann dies dazu führen, dass die Informationen im Gehirn nicht mehr entsprechend schnell verarbeitet werden und dies führt wiederum dazu, dass der Schutzmechanismus ausfällt und Verletzungen die Folge sind.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es kein „Pech“ geben kann zum Beispiel in einem Zweikampf oder extrem schlechten Platzverhältnissen, aber wenn ich viele Verletzungen habe, sollte ich zuerst mein Training hinterfragen, bevor ich von Pech spreche.

Was ist nun Fitness im Fußball? Wie kann es definiert werden?

Eine ebenso einfach zu beantwortende Frage, wenn ein TrainerIn weiß, was Fußball ist. Denn dadurch lässt sich die Fitness sehr einfach ableiten.

Fußball besteht aus 3 Phasen die wie folgt definiert werden können:

  • Angreifen – Wir haben den Ball.
  • Verteidigen – Der Gegner hat den Ball.
  • Umschalten – Wir gewinnen den Ball bzw. wir verlieren den Ball.

Und in jeder Phase gibt es verschiedene Fußballaktionen, die ein Spieler ausführt. Warum spreche ich von Fußballaktionen und nicht Bewegungen? Weil der Spieler mit seiner Umgebung interagiert d.h. er interagiert zum Beispiel mit dem Ball, Gegenspieler, Mitspieler etc. Eine Fußballaktionen eines Spielers wäre zum Beispiel das Freilaufen, ein Pass oder ein Torschuss usw.

Diese Fußballaktionen lassen sich wiederum in 3 Phasen aufteilen:

  • Kommunikation – Taktik
    Jeder Spieler kommuniziert zu jeder Zeit mit jedem. Dabei geht sprechen wir nicht nur von verbaler Kommunikation, sondern v.a. auch von nonverbaler. Ist die Kommunikation nicht deutlich bzw. wird sie unterschiedlich aufgenommen, dann entstehen Missverständnisse die zu Ballverlusten etc. führen können.
  • Entscheidungsfindung – Spielintelligenz
    Aufgrund dessen, was dem Spieler kommuniziert wurde, trifft dieser eine Entscheidung. Er entscheidet sich zum Beispiel seinen Mitspieler in den Lauf zu spielen.
  • Ausführung – Technik
    Motorische Ausführung einer Entscheidung. D.h. der Spieler entscheidet sich einen Pass zu spielen und leitet nun seine Muskeln und Gelenke an dies auszuführen. Im Grunde ist es genau das, was wir TrainerInnen sehen können. Die beiden Phasen zuvor bleiben für uns unsichtbar und können nur durch Fragen ins Bewusstsein gerufen werden.

Diese drei Komponenten zusammen ergeben eine Fußballaktionen und ein Spieler macht natürlich nicht nur eine Fußballaktionen pro Spiel, sondern möglichst viele hintereinander. Das bedeutet, er soll über die Spielzeit von 90 Minuten (plus Nachspielzeit) so viele Fußballaktionen wie möglich mit möglichst hoher Qualität ausführen. Und genau das beschreibt die Fitness im Fußball. Es geht darum möglichst viele, maximal Explosive Fußballaktionen pro Spiel zu absolvieren, denn dadurch steigt das Spieltempo und die Qualität im Spiel der Mannschaft.

Wenn also die Fitness im Fußball aus einer Abfolge von Fußballaktionen besteht, wie kann dann ein Trainer ernsthaft der Meinung sein, dass isoliertes Fitnesstraining die Leistung im Fußball verbessert?

Wie kann nun die Fitness im Fußball verbessert werden?

Die Antwort steckt bereits in der Frage, und zwar durch FUSSBALL. Klingt komisch und einfach, ist aber so. Fußballspielen ist die einzig gute Methode, um die Leistung im Fußball zu verbessern. Auch wenn es jetzt Kritiker gibt, die behaupten, dass zuerst eine solide Grundlage in Form von Dauerläufen geschaffen werden muss. Welche Leistung verbessern die Spieler bei Dauerlaufen? Sie verbessern weder Kommunikation (Taktik), Entscheidungsfindung (Spielintelligenz) noch Ausführung (Technik), sondern sie Verbessern die Leistung im Dauerlaufen. Anstatt die Spieler mit Dauerläufen zu quälen, kann ganz einfach auf eine große Spielform mit vielen Spielern und großem Volumen gesetzt werden. Und je intensiver die Spiele werden sollen, wird entsprechend an Spielfeldgröße und Spieleranzahl geschraubt. Dabei muss aber auch die Belastungs- und Erholungszeit angepasst werden. Idealerweise greift ihr auf ein Periodisierungskonzept wie das von Raymond Verheijen zurück, welches auch von Trainern auf internationaler Ebene sehr erfolgreich eingesetzt wird.

Benötigt der Fußball dann noch Fitnesstrainer, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler etc?

Natürlich werden diese Positionen nach wie vor benötigt, doch sie müssen in ein völlig anderes Licht gerückt werden. Sie müssen ebenfalls verstehen, was Fußball ist und sich Wissen über Taktik usw. aneignen um dann, zusammen mit dem Cheftrainer, entsprechende Spielformen zu entwickeln. Es müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen und dieselbe Sprache sprechen. Ebenso müssen sie sich viel häufiger reflektieren und sich hinterfragen. Hatte die Übung den entsprechenden Trainingseffekt? Wir sind zwar mehr gelaufen, aber war auch die Sprintwiederholung dementsprechend hoch? Warum verletzt sich der Spieler immer wieder in ähnlichen Situationen? Macht es sinn mehr Einheiten zu machen oder sollten wir bessere Einheiten machen?

Ich muss an dieser Stelle auch eine Lanze für all die Fitnesstrainer, Physiotherapeuten und Sportwissenschaftler brechen, die aufgrund der Inkompetenz der Sportlichen Leitung ihren Job nicht entsprechend gut machen können. Es gibt nämlich auch die Fälle in denen die medizinische Abteilung nicht top arbeiten kann, weil der Headcoach immer sein Programm durchziehen möchte und statt Regeneration ein paar Serien 4 gegen 4 Spielen will.

Wie geht es nun weiter?

In der nächsten Zeit werde ich vermehrt über dieses Thema schreiben und auch den einen oder anderen Realtalk auf Youtube veröffentlichen.