Mentalität – Marco Reus hat keine Ahnung wovon er spricht

Mentalität - Marco Reus hat keine Ahnung

Ja ihr habt die Überschrift richtig gelesen – BVB Star, DFB Nationalteamspieler und das Vorbild vieler junger Spieler – Marco Reus – hat überhaupt keine Ahnung wovon er spricht, wenn er das Wort Mentalität in den Mund nimmt. Mache ich ihm jetzt einen Vorwurf? Nein, natürlich nicht! Aber ich nehme seine Coaches und seinen Verein in die Pflicht, denn auch die wissen anscheinend nicht, was Mentalität bedeutet, ansonsten würde Marco Reus keine entsprechende Aussage tätigen.

„Das geht mir so auf die Eier! Ihr mit eurer Mentalitätsscheiße!“

Marco Reus – Hier geht’s zum Interview

Was ist Mentalität bzw. was bedeutet der Begriff „Mental“ überhaupt?

Sehr viele Personen (ca. 90-95%) haben überhaupt keine Ahnung wovon sie sprechen, wenn sie das Wort „Mental“ in Interviews, Gesprächen, Texten, Facebook-Postings etc. verwenden. Geschweige denn, haben sie eine Ahnung, wie diese Dinge verbessert werden können. Woher das kommt? Ganz einfach, jemand liest ein Buch oder hört ein Interview und glaubt zu wissen, was es bedeutet. Oft wird ein Problem im Fußball, Sport, Leben, Beruf usw. auf fehlende Mentalität zurückgeführt, wenn man nicht weiß, wie das Problem erklärt werden soll. Die Mannschaft verliert gibt knapp vor Schluss eine 2:0 Führung aus der Hand und verliert 2:3. Im Interview danach ist oft die Rede von fehlender „Mentalität“ oder die Spieler waren „mental schwach“. Mit diesen Aussagen ist das Thema dann auch meist erledigt und es geht zur Tagesordnung über. Warum ich das sagen kann? Ganz einfach, wie viele Vereine haben einen Trainer, der sich mit dem Gehirn beschäftigt? Wie viele Trainer haben Ahnung, welchen Einfluss das Gehirn auf die Leistung des Menschen hat?

Zurück zum Thema, was Mentalität ist bzw. was „Mental“ bedeutet. Mentalität bzw. Mental ist sehr einfach erklärt, dabei handelt es sich im Groben und Ganzen um unsere Steuerzentrale – dem Gehirn. Wenn also jemand von Mentalität spricht, dann spricht er vom Gehirn des Menschen. Und dieser Punkt scheint vielen nicht klar zu sein. Wenn jemand sagt, dass es kein Mentalitätsproblem ist und in weiterer folge von dummen Fehlern spricht, dann sollte klar sein, dass er nicht weiß wovon er spricht. Warum? Wenn alles was wir machen, von unserem Gehirn gesteuert wird, dann ist der Ursprung jedes Fehlers auch unser Gehirn.

Das Gehirn – der limitierende Faktor

Wenn alles was wir machen, vom Gehirn gesteuert wird, dann ist das Gehirn auch unser limitierender Faktor, bis zu einem gewissen Grad. Natürlich sind wir auch durch unsere Muskeln etc. limitiert, doch in erster Linie ist es unser Gehirn, das uns davor schützt, dass wir uns überlasten. Aber im Leistungssport wie auch im täglichen Leben, müssen wir uns überlasten bzw. aus unserer Komfortzone kommen, um zu wachsen. Und Wachstum ist mit Überlastung verbunden, da wir etwas machen müssen, dass unseren Körper zur Adaption zwingt. Wenn wir ständig nur das machen, was wir schon können bzw. in unserer Komfortzone bleiben, muss sich der Körper nicht an neue Situationen anpassen. Und hier haben wir schon das Problem mit unserem Gehirn. Unser Gehirn ist sehr faul und das obwohl es ca. 20% unserer Energie verbraucht. Äußerst interessant dabei ist, dass die Gehirnmasse nur 2% unseres Körpers ausmacht. Das bedeutet, dass es sehr schwierig ist aus der Komfortzone zu kommen, da das Gehirn mit seinem Energieverbrauch natürlich haushalten will. Jeder, der einmal versucht hat eine Gewohnheit zu ändern, weiß wovon ich spreche. Ob es eine Diät war, jeden Tag eine Stunde zu lesen oder das Rauchen zu beenden, viele scheitern an der Umsetzung, weil sie nicht genügend über ihre Steuerzentrale wissen.

Bewusstsein und Unterbewusstsein

Vielen wird das Eisbergmodell von Sigmund Freud (österreichischer Neurologe) bekannt sein. In diesem Modell hält er fest, dass 80% des täglichen Lebens unbewusst ablaufen und nur 20% bewusst wahrgenommen wird. Mittlerweile ist bekannt, dass die Zahlen so nicht mehr stimmen und der Teil des Bewusstseins wurde auf weniger als 10% korrigiert. Das bedeutet im Endeffekt, dass wir weniger als 10% unserer täglichen Entscheidungen bewusst wahrnehmen bzw. bewusst treffen. Wobei sich auch die Frage stellt, ob eine bewusste Entscheidung auch wirklich so bewusst ist, wie sie wahrgenommen wird. In verschiedensten Untersuchungen, wie zum Beispiel von Benjamin Libet, wurde untersucht wie Entscheidungen in unserem Gehirn getroffen werden. Dabei fand man heraus, dass bevor uns eine Entscheidung bewusst wird, diese bereits einige Millisekunden vorher im Unterbewusstsein getroffen wurde. Das bedeutet also im Umkehrschluss, dass jede Entscheidung – von der wir denken, dass wir sie bewusst getroffen haben – bereits im Unterbewusstsein getroffen wurde.

Mentalität - Marco Reus hat keine Ahnung
Das Eisbergmodell – Bodo Wiska, Berlin [CC BY-SA]

Was bedeutet diese Erkenntnis für uns? Ganz einfach, alles was wir machen hängt im Grunde mit unserem Unterbewusstsein zusammen und dieses ist sehr mächtig, da dort all unsere Erinnerungen, Werte, Emotionen, Muster etc. gespeichert sind. Es wäre daher äußerst sinnvoll zu wissen, was in unserem Unterbewusstsein gespeichert ist, um bessere Entscheidungen treffen zu können. Doch wie komme ich jetzt in mein Unterbewusstsein? Tja, hier muss ich euch die Illusion der Einfachheit nehmen, denn das ist wirklich nicht so einfach, sondern erfordert viel harte Arbeit und Begleitung eines Coaches.

Sollte jetzt die Frage aufkommen, was jetzt das Bewusstsein für einen Zweck hat, werde ich euch dazu auch eine kurze Antwort geben. Mit unserem Bewusstsein können wir Denken und unsere Entscheidungen beeinflussen. Das Bewusstsein ist sozusagen ein Tool, um mit unserem Unterbewusstsein zu kommunizieren. Und unser Bewusstsein ist begrenzt bzw. kann sehr einfach ausgeschalten werden. Ihr alle habt diesen Zustand selbst schon mindestens einmal Erlebt bzw. wisst ihr alle, wie es sich anfühlt, wenn euer Bewusstsein „den Geist aufgibt“. Sollte euch kein Beispiel einfallen, habe ich ein paar für euch aufgelistet:

  • Unter Alkoholeinfluss werden viele Menschen gesprächiger und legen ihre Schüchternheit ab.
  • In stressigen Situationen seid ihr leichter reizbar als in entspannten Situationen.
  • Ihr macht eine Diät und ihr entscheidet euch am Abend, nach einem anstrengenden Tag im Büro, eher für ungesundes Essen, als an einem normalen Arbeitstag.
  • Fußballspieler reagieren in den letzten Minuten gereizter auf Fehlentscheidungen des Schiedsrichters als in den ersten Minuten.
  • Bei einem entscheidenden Spiel wird ein Fehler des Schiedsrichters heftiger kritisiert als im ersten Spiel der Saison. Und das obwohl es derselbe Fehler ist.

Da gibt es noch viel mehr andere Beispiele und ich denke, dass ihr eines für euch gefunden habt.

Fazit über Mentalität im Fußball

Im Fußball herrscht sehr viel Unwissenheit über dieses Thema und nur wenige Vereine, Spieler und Trainer interessieren sich für diesen Bereich. Und das obwohl mittlerweile klar sein sollte, dass unser Gehirn über Durchschnitt und Spitzenleistung entscheidet. Andere Sportarten v.a. Individualsportarten investieren in diesem Bereich wesentlich mehr, da diese das Potential des Gehirns erkannt haben und dieses zu ihrem Wettbewerbsvorteil nutzen wollen. Zum Beispiel hatten Michael Jordan, Marcel Hirscher, Novak Djokovic, Roger Federer und viele andere Spitzensportler einen Mentaltrainer oder Sportpsychologen an ihrer Seite.

Ich habe euch einen kleinen Einblick in die Welt eurer Steuerzentrale gegeben und werde euch natürlich noch weitere Inputs dazu liefern. Hierfür arbeite ich zusammen mit meinem Kollegen an einem Onlinekurs speziell für Fußballtrainer und in weiterer Folge für Fußballspieler.

Im letzten Jahr habe ich einen ähnlichen Beitrag dazu verfasst, den ihr hier (Mentale Stärke im Fußball) nachlesen könnt.