Kickst du noch oder passt du schon? Vom Kicken des Balles zum Passspiel im Fußball.

Passspiel vs. Kicken eines Balles

Was ist ein Pass (Passspiel) im Fußball und wie wird dieser ideal trainiert? Schon viele Trainer stellten sich die Frage und es kommt dabei zu verschiedensten Meinungen. Die einen schwören auf isolierte Übungen mit vorgegebenen Pass- und Laufwegen wie A zu B, B zu C und C zu D. Und wieder andere schwören auf Rondos als die Lösung für die Verbesserung des Passspiels. Doch welche dieser beiden Varianten ist die Ideallösung oder gibt es noch eine andere Option? In diesem Beitrag, werden wir bewusst etwas kritischer an die Sache herangehen und dieses äußerst heikle Thema etwas genauer betrachten.

Was ist ein Pass im Fußball?

Unter einem Pass im Fußball versteht man das Zuspiel des Balles zu einem seiner Mitspieler mit dem Ziel Torchancen zu kreieren. Der Pass ist also ein Mittel zum Zweck und dabei gibt es verschiedenste Varianten von Pässen im Fußball:

  • Kurzpass
  • Doppelpass
  • Langer Pass
  • Hoher Pass
  • Flacher Pass
  • Pass in die Tiefe
  • Querpass oder in Österreich auch Stanglpass
  • Rückpass
  • Diagonalpass
  • Direkter Pass oder auch “One-Touch”
  • Indirekter Pass – mehr als ein Kontakt

Das sind bereits eine Menge Passarten und wahrscheinlich gibt es noch die eine oder andere zusätzliche Bezeichnung, das sollte aber an anderer Stelle diskutiert werden.

Wer mit der Action Theory von Raymond Verheijen vertraut ist, weiß, dass der Pass eine Aktion im Fußball ist, also eine Fußballaktion wie der Torschuss, das Dribbling, das Tackling usw. Und all diese Aktionen bestehen aus mehreren Komponenten (Kommunikation – Entscheidungsfindung – Ausführung) und sind von vier verschiedenen Faktoren (Position – Geschwindigkeit – Moment – Richtung – Taktische Prinzipien – Formation) abhängig.

Damit ein Pass im Fußball auch ein Pass ist, müssen in der Übung/Spielform stets Kommunikation, Entscheidungsfindung und Ausführung sowie Position, Geschwindigkeit, Moment und Richtung vorhanden sein. Ansonsten trainiert man etwas das aussieht wie ein Pass, aber im Fußballkontext kein Pass ist.

Exkurs – Das Rondo

Seit Pep Guardiolas Zeit beim FC Barcelona sind Rondos in aller Munde. Doch nur wenige wissen, dass Rondos ursprünglich aus Holland stammen und durch Johan Cruyff beim FC Barcelona integriert wurden. Das ursprüngliche Rondo (holländisch: rondeel) bedeutet nichts anderes als unser bekanntes “Schweinchen in der Mitte”, “Hösche” oder “Tretze”. Dabei stehen ein paar Spieler im Kreis und ein oder mehrere Spieler in der Mitte versuchen den Ball zu erobern. Das Rondo ist also keine Weltneuheit, sondern einfach das Spanische/Holländische Wort für etwas, das wir auch in Österreich, Deutschland und der Schweiz seit Jahrzehnten praktizieren. Was allerdings eine Weltneuheit ist/war, wie das Rondo eingesetzt wurde und wie das Coaching dabei aussieht, denn dort liegt der Unterschied.

Ich werde in einem anderen Beitrag näher auf Rondos und deren mögliche Verwendung als Positionsspiele eingehen.

Wie wird das Passspiel bisher trainiert?

Seit Jahrzehnten wird das Passspiel annähernd gleich trainiert und zwar mit isolierten Übungen, vorgegebenen Pass- und Laufwegen sowie Endlosschleifen ohne klare Spielrichtung und vor allem, ohne Gegenspieler.

Die dargestellten Übungen sind ein Klassiker im Passspiel und werden so auch von vielen Vereinen, Institutionen und Trainern seit Jahrzehnten im Training verwendet. Oft liest man auch in Sozialen Medien, Büchern oder Websiten folgendes: “Passen wie der FC Barcelona”, “Trainieren wie die Profis” oder “Die 20 besten Passübungen für Fussballmannschaften”. Die zwei Fragen, die man sich bei diesen klingenden Titeln stellen muss: “Woher weiß der Autor, dass diese Teams solche Passübungen machen?” und “War es ein öffentliches Training für die Presse in denen diese Übungen gezeigt wurden oder kommen diese aus einem persönlichen Gespräch mit dem Trainer?”.

Wie wir bereits vorher gelesen haben, ist der Pass eine Aktion und von verschiedenen Faktoren abhängig. Jetzt sehen wir uns die Übungen nochmals im Detail an – dazu nehmen wir Variation 1 des Passspiels in der Raute.

Ablauf:
A spielt zum entgegenkommenden Spieler B. B lässt auf A klatschen und A spielt zu C. C spielt zu D und D lässt auf C klatschen. Danach spielt C wieder zu A. Die Spieler wechseln nach jedem Zuspiel eine Position weiter. A zu B, B zu C und D zu A.

Variationen:
Im Uhrzeigersinn / Gegen Uhrzeigersinn / Nur rechter Fuß / Nur linker Fuß / Direktspiel

Coachingpunkte:
Genauigkeit / Schärfe / Auftaktbewegung / Mit 2 Kontakten spielen / Klatschen mit einem Kontakt / Fußhaltung / Körperposition

Die Spieler laufen zuerst im Uhrzeigersinn für 10 Minuten, danach gegen den Uhrzeigersinn für 10 Minuten. Währenddessen wird fleißig die Fußstellung, das Timing, die Auftaktbewegung usw. gecoacht. Der Trainer ist also dazu da, den Spielern ständig zu sagen, was sie zu tun haben. nach einiger Zeit stellt der Trainer fest, dass die Konzentration nachlässt und fordert diese erneut ein, doch er hinterfragt nicht, warum die Konzentration nachlässt.

Die Konzentration bei den Spielern lässt aus dem einfachen Grund nach – ES IST LANGWEILIG UND STUPIDE. Es gibt nichts neues zu lernen und das Gehirn schaltet auf Autopilot. Der Spieler macht Dienst nach Vorschrift und verhält sich ähnlich einem Mitarbeiter am Fließband. Es wird also nach wenigen Minuten nichts Neues mehr gelernt und die Konzentration lässt nach.

Weiters machen die Spieler nur das, was der Trainer ihnen vorgibt und einfordert und nicht, weil es die Situation erfordert. Die Kommunikation ist mehr oder weniger vorgegeben, genauso wie die Entscheidungsfindung, die im Grunde gegen Null geht, da Lauf- und Passwege vorgegeben sind. Bedeutet, die Spieler bewegen sich wie Zombies über den Platz. Sobald die Richtung geändert wird, werden für wenige Sekunden die Zombies wieder zu Spielern, da es kurzzeitig eine neue Situation ist – der Richtungswechsel, doch dann ist es erneut dasselbe, nur in eine anderer Richtung.

Ebenso verhält es sich mit Position, Geschwindigkeit, Moment und Richtung. Auch diese vier Faktoren gehen gegen Null, da aufgrund der Übung bereits alles vorgegeben ist. Das bedeutet, der Spieler muss weder Passchärfe, Passrichtung usw. verändern, da sich annähernd immer wieder dieselben Situationen einstellen.

Im Endeffekt trainiert man etwas, das aussieht wie ein Pass, aber per Definition kein Pass ist. Jetzt muss man sich als Trainer wirklich die Frage stellen, ob man weiterhin etwas das so aussieht wie ein Pass trainieren möchte oder, ob man den Pass im Fußballkontext verbessern will. Für diejenigen, die weiterhin an den heiligen Gral A-B-C-D und Rondos glauben, können hier aufhören zu lesen, für alle anderen, gibt es jetzt eine anderer Sicht auf das Training des Passspiels.

Wie kann das Passspiel in Zukunft trainiert werden?

Bevor wir mit dem Design der Übung beginnen können, müssen wir unsere Spielprinzipien in allen Phasen des Spiels definieren. Das ist deswegen wichtig, weil wir diese Prinzipien in jeder Spiel- und Übungsform wieder erkennen wollen, damit die Spieler die Spielidee implizit erlernen und diese somit länger und besser im Gedächtnis bleiben.

Exemplarische Spielprinzipien für die Phasen des Spiels

  • Ballbesitz: Spielen des tiefst möglichen Pass
  • Ballverlust: Sofortiges Pressen des ballführenden Spielers
  • Ballbesitz Gegner: Schließen des Zentrums und Gegner auf den Flügel leiten – Überzahl am Flügel schaffen
  • Ballgewinn: So schnell wie möglich aus der Drucksituation in Richtung des gegnerischen Tors spielen.

Nachdem wir unsere Spielprinzipien definiert haben, müssen wir uns für eine Grundordnung bzw. System entscheiden. In unserem Fall nehmen wir an, dass wir unsere Spieler am Wochenende in einem 1-3-5-2 auflaufen lassen werden.

Damit nicht genug, es fehlt noch ein entscheidender Punkt und zwar – DER GEGNER. Beim Design der Passübungen ist es wichtig zu wissen, welche Grundordnung der Gegner verwendet und wenn möglich, kennen wir auch seine Spielprinzipien. So können wir im Training annähernd das Verhalten des Gegners nachstellen und unsere Spieler darauf vorbereiten. Der Einfachheit halber, nutzt unser Gegner dieselben Spielprinzipien, läuft allerdings in einem 1-4-4-2 auf.

Nachdem wir uns nun im Klaren sind, wie wir und der Gegner spielen wollen, sehen wir uns an, wie unsere Spieler am Feld im 1-3-5-2 positioniert sind und welche Rauten/Diamanten sich dabei ergeben können.

Wie wir erkennen können, gibt es zahlreiche Verbindungen (Rauten/Diamanten) zwischen den Spielern auf dem Spielfeld. Das bedeutet für uns, dass wir die Spieler auch entsprechend ihrer Positionen in der Übung verbinden sollen. Dies macht durchaus Sinn, denn dadurch kann man auch die nonverbale Kommunikation der Spieler verbessern ohne, es einzufordern.

Jetzt platzieren wir die Passübung, wenn möglich, auch auf der jeweiligen Position am Platz und fügen Minitore hinzu, die weitere Anspielstationen in der Offensive simulieren sollten.

Mögliches Design der Passübung
Mögliches Design der Passübung

Ablauf:
Die Spieler entsprechend ihrer Positionen (4 Angreifer und 2 (2) Verteidiger) am Feld aufstellen und die Tore postieren. Die Übung startet mit dem Zuspiel zu einem Spieler. Ziel ist es mit so wenig Kontakten wie möglich in eines der beiden Tore an der Mittellinie zu passen. Die Verteidiger versuchen dies zu unterbinden, den Ball zu erobern und auf das Tor in der Box zu passen. Wechsel der Seiten / Aufgaben nach jeweils 10 Bällen.

Coachingpunkte / Fragen für die Angreifer auf Basis Position / Moment / Geschwindigkeit / Richtung:

  • Mit wie vielen Kontakten soll das Passspiel erfolgen?
  • Wann spielt man direkt und wann nutzt man einen zweiten Kontakt zum Aufdrehen?
  • Wie schaut das Freilaufverhalten aus? Wer kommt kurz und wer geht tief?

Coachingpunkte / Fragen für die Verteidiger auf Basis Position / Moment / Geschwindigkeit / Richtung:

  • Wie kann man durch Anlaufen den Gegner in seinem Passspiel beeinflussen?
  • Soll vor dem Gegner abgebremst oder durchgelaufen werden?
  • Wie weit sollen die Abstände zwischen den beiden Spielern sein?
  • Wie soll angelaufen werden? Im Sprint oder im normalen Tempo?
  • Mit wie vielen Kontakten soll man in die Tiefe kommen?

Gibt es ein richtig oder falsch?

Das ist eine gute Frage und ich kann sie mit JEIN beantworten. Natürlich wird auch mit altbewährten Methoden etwas verbessert, aber verbessert man dadurch das Passspiel im Fußball oder etwas, das so aussieht? Diese Frage muss man sich als Coach immer stellen, wenn man eine Passübung aus einem Buch oder dem Internet übernimmt.

In den kommenden Wochen werde ich noch tiefer in das Thema eingehen und weitere Beispiele für die Verbesserung des Passspiels im Fußball darstellen.