Mentale Stärke im Fußball

Mentale Stärke im Fußball

In den letzten Tagen las ich vermehrt von Coaches der Bundesliga und Nationaltrainern von fehlender mentalen Stärke der Spieler. Meist nutzten die Trainer aussagen wie “Uns fehlten Mentalität und Leidenschaft.”, “Uns fehlte die nötige Disziplin.”, “Der Gegner war mental stärker.” und noch weitere, nach unerwarteten Niederlagen oder wenn man die Ursache der Niederlage nicht ganz erklären kann oder möchte.

Für mich, als Diplom Mentaltrainer, zeigen diese Aussagen ganz klar auf, dass sehr viele Coaches – auch auf Top-Niveau – keine Ahnung haben, was mentale Stärke, Mentalität etc. bedeuten. Erschreckend ist vor allem, dass sich viele Trainer über das Fehlen der Mentalität ärgern, aber nichts dagegen unternehmen bzw. entsprechende Hilfe holen.

Dutzende Spezialtrainer, aber keinen für das Gehirn

Es gibt mittlerweile für jeden Bereich einen Spezialtrainer. Der Athletik- und Kondidionstrainer kümmert sich um die Fitness, der Tormanntrainer um die Tormänner und der Techniktrainer um die Technik, der Vidoanalyst macht Gegneranalysen etc. Aber wer kümmert sich um das Training der Steuerzentrale – dem Gehirn?

Wollen wir unsere SportlerInnen zu Spiztenleistungen bringen, müssen wir uns ganz klar auch dem Gehirn widmen, denn dieses steuert den gesamten Körper und beeinflusst massiv die Leistungsfähigkeit, daher liegt es nahe, dass man das Gehirn ebenso trainiert. Und genau hier befindet sich das Spezialgebiet des Mentaltrainers, dem eigentlich der Begriff Gehirntrainer besser passen würde.

Mentale Stärke im Fußball – Ein Beispiel

Externer Faktor - Rückstand
Externer Faktor – Rückstand

Wie im oberen Bild zu sehen ist, verwenden wir als Beispiel den Rückstand im Spiel. Nach 45 Minuten machen die Spieler noch 5 Aktionen pro Minute und erscheinen top fit. In der 50 Spielminute erzielt der Gegner das 0:1 und die Spieler müssen einem Rückstand hinterherlaufen. Die Häufigkeit der Aktionen sinkt auf 4 Aktionen pro Minute. Weitere 10 Minuten später erzielt der Gegner das 2:0 und die Spieler machen nur noch 3 Aktionen pro Minute und scheinen müde zu sein. Doch in der 70 Spielminute folgt der 1:2 Anschlusstreffer und die Spieler erhöhen ihr Tempo auf 4 Aktionen pro Minute. In der 80 Minute erfolgt der Ausgleich zum 2:2 und von dort an sind die Spieler wieder bei 5 Aktionen pro Minute angelangt und wirken wieder top fit – die sogenannte “Zweite Luft” kommt ins Spiel.

Viele Trainer haben eine ähnliche Situation gewiss schon einmal erlebt und erkennen sich in diesem exemplarischen Beispiel mit fiktiven Zahlen wieder. Doch im Beispiel geht es nicht um die Zahlen, sondern um den Effekt den ein Rückstand bzw. ein Aufholen des Rückstandes in der Mannschaft bewirkt. Doch was hat das ganze jetzt mit Mentalität bzw. mentaler Stärke zu tun? Das zeigt das folgende Bild mit der Auflösung, was im Gehirn der Spieler vorgeht.

Denken in Aufgaben vs. externer Faktor
Mentale Stärke ist die Fähigkeit vom Aufrechterhalten des Denken in Aufgaben.

In der oben dargestellte Tabelle wurde um die Spalte “Denken des Spielers” ergänzt und zeigt exemplarisch, was in den Köpfen der Spielern vorgeht. Beim 0:0 denken die Spieler an Fußball bzw. an ihre Aufgaben. Nach dem 0:1 Rückstand glauben einige schon, dass es schwierig wird und nach dem 0:2 geben sich viele schon auf und glauben an die Niederlage. Aber sobald der Anschlusstreffer erzielt wird, kommt erneut Hoffnung bei einigen auf die mit dem Ausgleichstreffer zum Glauben an den Sieg führt.

Denken in Aufgaben vs. Externe Faktoren

Das exemplarische Beispiel bzgl. Rückstand kann man in weiterer folge auf die einzelnen Spieler herunterbrechen. Unten dargestellt am Beispiel des Ballverlustes und dem einhergehenden Umschalten von Angriff auf Abwehr. Nehmen wir an es ist die 85 Spielminute und der Spieler fühlt sich müde. Er bekommt den Ball und verliert ihn im 1 gegen 1 an den Verteidiger. Nun hat er zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Erste Option – er vergisst die Müdigkeit (die im übrigen im Gehirn entsteht – mehr dazu in einem anderen Beitrag) und versucht den Ball zurückzuerobern oder er nimmt Option zwei, denkt an die Müdigkeit und bleibt stehen. Bei der ersten Option denkt er an die nächste Aufgabe – dem Umschalten – und bei Option zwei denkt er an den externen Faktor – die Müdigkeit. Wenn er häufiger die zweite Option – den externen Faktor – wählt, wird er über kurz oder lang auf der Ersatzbank landen, sofern man den Luxus eines breiten Kaders hat.

Denken in Aufgaben vs. externer Faktor
Denken in Aufgaben vs. Externer Faktor

Dieses Beispiel lässt sich auf viele andere Aktionen ableiten:

  • Eigenfehler
  • Fehler von Mitspielern
  • Fehler vom Schiedsrichter
  • etc.

Die Spieler haben, wie gezeigt, immer zwei Möglichkeiten aus denen sie wählen können. Sie können an ihre Aufgaben denken oder sie denken an den externen Faktor.

Mentale Stärke im Fußball nichts anderes als das Aufrechterhalten von Denken in Aufgaben.

Nachdem wir nun wissen, was mentale Stärke bedeutet, können wir uns dem Training dieser widmen. Wie das Training aussehen kann, zeige ich euch in einem anderen Beitrag.